Es gibt Werte-Klassiker, die einem bei Solopreneuren wirklich ständig begegnen: Beliebt sind die Freiheit und Unabhängigkeit. Oder auch Klarheit und Authentizität. Letzterer ist übrigens ein ganz schlimmer Zungenbrecher. Aber was wäre, wenn jemand dort völlig unübliche Werte stehen hätte, für die er oder sie (ein)steht?
Mein Wertebild ist – zumindest Stand jetzt – eine Mischung aus konservativ und unkonventionell-progressiv, wenn man es denn irgendwie einsortieren will. Doch, ich finde, die Kombi geht. Es gibt Zeiten, da bin ich eher introvertiert-ruhig, ein bisschen auf Sicherheit bedacht und „Team münsterländische Kleinstadt“. Und dann gibt’s aber auch Momente, wo ich selbst über mich staune, weil ich ungewöhnliche Wege gegangen bin. Abseits der Norm. Also eher „Team Ærøskøbing“ (Das ist ein Ort auf der dänischen Insel Ærø: Bunte Häuschen, Kopfsteinpflaster, leise aus der Zeit gefallen und damit schon fast exzentrisch, gleichzeitig genau dadurch attraktiv für Aussteiger und Künstler). Oder, wenn man einen deutschen Ort bemühen möchte, vielleicht „Team Wyk auf Föhr“ (Natur, Weite, Me-Time, deutsch, aber mit diesem leisen Nordsee-Trotz)? Wobei ich nicht wirklich ein großer Freund von Themen-Schubladen beziehungsweise das Reingequetsche in solche bin. Genauso wenig bin ich übrigens ein Freund davon, Bands unbedingt in ein Musikgenre einordnen zu wollen. Aber das klären wir wohl besser mal zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Aktuell fühle ich mich mit den folgenden Werten zumindest wirklich wohl:
Der 1. Wert: Optimismus
Man kann es nicht anders sagen: Ich bin ein absoluter Zweck-Optimist. Also nicht dieses rosarote, leicht verblendete „Alles ist toll“-Geplappere. Mein Optimismus ist mehr so mit einer starken Prise Realismus und Pragmatismus gewürzt. Auch wenn privat eine anstrengende und harte Zeit gerade am Start ist, bemühe ich mich wirklich, aktiv wieder in die Zuversicht und den positiven Blick nach vorn zurückzufinden. Meist gelingt mir das durch gute Gespräche mit Freunden, die ganztägige Auszeit mit einer lieben Freundin in der Sauna, öfters mal wieder eine Meditations- oder Atemeinheit einlegen. Die guten Zeiten werden wieder kommen, ich glaube fest daran. Manchmal hilft es auch, sich ein wenig aus dem eigenen Elend und der eigenen Wahrnehmung herauszubegeben und sich zu vergegenwärtigen, was man alles hat. Den schönen, kleinen Moment oder das Lachen zu würdigen. Apropos Humor und Lachen:
Mensch Andy, du bist doch sonst auch kein Hans-guck-in-die-Luft. Jetzt sei doch mal ’n bissken reehalistisch!
(Film-Zitat aus Bang Boom Bang; wer den Film kennt, grinst sofort los)
Beruflich gesehen hilft mir der Optimismus in Kombination mit dem Pragmatismus durchaus in der ein oder anderen Situation. Während mein 20 Jahre jüngeres Ich noch Blut und Wasser geschwitzt hat, wenn einmal etwas richtig brenzlig zu werden drohte oder die Technik versagte, hat mein jetziges Ich zwar auch kurz 200 Puls, der sich aber schnell bessert. Um dann überzugehen in wohltuendes „Okay, das ist jetzt nicht gaaaaaanz so optimal. Was können wir tun, um da schnell wieder rauszukommen?“ Telefongespräche mit einem angezickten Online Marketing Manager Europe eines großen Retailers würden mich heute nicht mehr um Fassung ringend aufgelöst zurücklassen. Denn: Alles wird gut – wenn ich aktiv etwas dafür tue, dann womöglich schneller. Der Gesundheitscoach Patrick Heizmann schreibt immer am Ende seiner Newsletter: „Bleib gesund – aber mach auch was dafür!“ Und je länger ich über diesen Satz, diesen Claim, nachdenke, desto toller und tiefsinniger finde ich ihn.
Der 2. Wert: Kreativität
Ich stelle diese Wertegruppe mal unter den Oberbegriff der Kreativität. In Situationen, wo ich merke, dass ich mich in einem für mich eher komplett untypischen Stadium der Nervosität oder dem Gefühl des „Lost-seins“ befinde, hilft es mir in den letzten Jahren, wenn ich zu Block und Stift greife und zeichne. Seit Jahren bin ich großer Fan von Simone Abelmann und ihrer Community, die sie um ihre Sketchnotes herum aufgebaut hat.
Letztens hatte ich einen wirklich anstrengenden Arbeitstag. Viele kleine Dinge, die mich aufgeregt und auch nach Feierabend nicht losgelassen haben. Zum Glück hatten wir abends im Sketch-&-Relax-Kurs einen längere Zeicheneinheit. Ich begebe mich dann in diesen Flow des Mitzeichnens, die vorherigen Gedanken werden sanft in den Hintergrund gedrängt. Am Ende stellte ich erstaunt fest, dass mein kurzfristiger Anflug des Herzrasens sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Simones Motto (oder Claim, wenn wir im Marketing-Sprech bleiben wollen) ist: Unperfekt ist perfekt. Und das ist das Schöne an Kreativität: Sie darf, vielleicht muss sie sogar unperfekt sein. Sie ist individuell, jeder ist anders kreativ und jede dieser Formen hat ihre Daseinsberechtigung. Das ist ein dermaßen beruhigendes Credo zu dem eigenen Perfektions-Anspruch, der einen gerade in der Berufswelt gerne mal im Griff hat, dass es mich bei jeder noch so kleinen Zeicheneinheit wieder auf den Boden zurückholt und mit einem Lächeln wieder aus der Welt der Farben, Striche und Kolorationen entlässt. Bei mir führt das Kreativsein zu einer Art (inneren) Ruhe. Sie macht Spaß, macht gelassen und offen und ist für mich das ideale Mittel für eine Work-Life-Balance, die bei mir sonst nur mit Yoga, Meditation und Kraftsport erreicht wird.
Kreativität im Job führt dazu, dass beispielsweise Texte den letzten sprachlichen Feinschliff bekommen. Mutige Kreativität macht Websites unverwechselbar und damit einzigartig. So etwas bleibt im Gedächtnis des Users. Beispiel gefällig: Ich feiere heute noch die Fehler-Seite von Chefkoch. Was hatten die sich da Besonderes einfallen lassen? Nun, sie haben aus einer nicht erreichbaren Seite, die normalerweise den Standard-Fehlercode ausgibt, etwas Besonderes gemacht. Üblicherweise sieht man auf einer Webseite, deren Server aus irgendwelchen Gründen gerade meine Anfrage nicht erfüllen kann und daher die Seite nicht aufbauen kann, folgenden oder einen ähnlichen Satz: „500 Internal Server Error“. Nur den Satz, weiße Webseite dahinter, manchmal noch ein generisches Baustellen-Schild oder Ähnliches. Laaangweilig. Chefkoch hat es zum Anlass genommen, diese spezielle Fehlerseite so dermaßen kreativ und individuell zu gestalten, dass ich mich noch Jahre später mit Freude daran erinnere. Und weil ich das so toll fand, habe ich damals einen Screenshot davon gemacht. So sah das aus:

Darunter dann noch das komplette Rezept für einen Couscous-Salat plus eine Verlinkung zu weiteren, thematisch passenden Rezepten, wenn ich mich richtig erinnere.
Ist das genial oder ist das genial? Ich feiere es immer noch hart!
Und weil ich diese Art von Kreativität wirklich großartig finde, werde ich darüber mit Sicherheit noch einen Blog-Beitrag schreiben!
Der 3. Wert: Nachhaltigkeit
Dieser Wert ist in der Regel leise. Und ja, manchmal auch unbequem in seiner Konsequenz. Dennoch liegt es mir wirklich am Herzen, privat und auch beruflich nach Nachhaltigkeit zu streben. Ich bin nicht perfekt in dieser Disziplin, du liebe Zeit, überhaupt nicht. Aber der Gedanke schwebt immer über allem und auch kleine Schritte zählen.
Muss dieser oder jener Kauf jetzt wirklich sein? Wo lasse ich mein Geld? Auf Temu oder Shein? Mit Sicherheit nicht – jede Faser in mir weigert sich, dort Produkte zu Super-Dumping-Preisen zu kaufen, die mit Sicherheit unter katastrophalen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden und eindeutig unter der Rubrik „Wegwerfartikel“ zusammengefasst werden können. Generell versuche ich, Gegenständen wie Klamotten, Elektrowaren oder andere eher langlebige Artikel gebraucht zu erwerben. Meinen Strom beziehe ich seit ewigen Zeiten bei einem Ökostrom-Anbieter. Amazon Prime habe ich vor Jahren gekündigt und versuche, sinnvolle andere Online-Kaufalternativen aufzutun. Kreuzfahrt mit einem Riesen-Umweltverschmutzungs-Dampfer und 5000 anderen Leuten an Bord? Nein danke, auch nicht mit einem Greenwashing-Label dahinter. Ich bin seit Jahren nicht mehr geflogen. Strecken innerhalb vom europäischen Festland versuche ich mit der Bahn (ja, auch mit der zu Flüchen verführenden Deutschen Bahn) zu erledigen. Früher konnte ich immer hervorragend fünf Stunden im 1.-Klasse-Abteil auf dem Weg von Duisburg nach Zürich arbeiten. Heute wird’s ein wenig umständlicher, höflich formuliert, da die SBB aus leider sehr nachvollziehbaren Gründen beschlossen hat, etliche (oder alle?) Direktverbindungen deutscher Züge zu stoppen. Hmpf. Grund? Die unpünktlichen Züge bringen den Fahrplan der wirklich superpünktlichen Schweizer Bahn durcheinander. Nuff said.
Aus beruflicher Sicht versuche ich die Nachhaltigkeit ebenfalls so viel wie möglich miteinzubeziehen. Oftmals erfordert das auch Mut sowie Lernbereitschaft. Mut, auch mal die etwas teurere, aber klimatisch gesehen bessere Entscheidung zu treffen. Lernbereitschaft, weil ich mich mit diesen Themen immer wieder beschäftige und recherchiere. So habe ich mich beispielsweise für Raidboxes als Hosting-Anbieter entschieden. Deutscher Firmensitz in Münster (yeah, Heimatgebiet), Serverstandorte/Rechenzentren liegen in Deutschland und werden mit Ökostrom betrieben. B-Corp-zertifiziert.

Der achtsame Umgang mit unseren wertvollen Ressourcen ist mir wichtig. Diese durchaus auch unbequeme Beharrlichkeit meinerseits, einige Dinge zu verweigern und andere, klimaschonendere Alternativen zu bevorzugen, bedeutet aber gleichzeitig auch ein Stückchen Authentizität. Da wären wir wieder bei einem der eingangs erwähnten Lieblingsworte von Solopreneuren 😉. So bin ich nun mal. Love it, leave it or change it!